- Punkrock gegen die Abschottung Europas
- Bis unsere Herzen komplett verhärtet sind – Bericht zum Asylverfahren in Israel
- Out of System“ – neuer Bericht zur Situation von Flüchtlingen in Malta
- Überleben im Transit – PRO ASYL veröffentlicht Bericht über die Lage von Flüchtlingen in der Türkei
- Filmpremiere: Dokumentation des Kampfes gegen Residenzpflicht
You are here
In welcher Welt lebst du eigentlich?
Unsere Gesellschaft besteht aus unzähligen Ecken, in die sich Gruppen zurückziehen. Drei Lokalaugenscheine. Von Richard Solder*
Da ist es also, das Minarett. So viel wurde darüber diskutiert und geschrieben. Manche wollen darin gar eine Bedrohung erkennen: Es stehe für eine Parallelwelt, in die sich Muslime einigeln. Bei einem spontanen Besuch im islamischen Gotteshaus am Floridsdorfer Hubertusdamm in Wien deutet wenig daraufhin: Die Türen der Moschee sind offen, für den Eintritt in den Gebetsraum heißt es, wie in allen Einrichtungen dieser Art, Schuhe ausziehen. Man wird nicht komisch angeschaut, kommt mit Leuten ins Gespräch. Dass Neugierige vorbeischauen – selbst wenn man nicht gleich konvertieren will – scheint erwünscht zu sein. Ein räumliches Nebeneinander ist allerdings präsent: das zwischen Mann und Frau. Hinweisschilder verweisen darauf, dass sie getrennte Wege zu gehen haben.
„Von einer Minderheit gebildete, in einem Land neben der Gesellschaft der Mehrheit existierende Gesellschaft“, erklärt der Duden den Begriff „Parallelgesellschaft“. Wer die Debatten der letzten Jahre verfolgte, weiß, wer mit Minderheit bei uns gemeint ist. Eine kurze Internetsuche bestätigt: Das sind hierzulande Migranten, vor allem Menschen mit (austro-)türkischem Hintergrund. Der Begriff wird damit automatisch in einen kulturellen Zusammenhang gebracht. Damit werden dann Schlagwörter wie „Integrationsunwilligkeit“ verknüpft. Aber leben wir nicht alle in einer der unzähligen Parallelwelten? Allein durch Sprache und Kleidung bilden sich Untergruppen: Älteren Generationen verstehen Ausdrücke und Modetrends der Jungen nicht, Subkulturen definieren sich über ganz eigene Codes, die Außenstehende nicht kapieren. Darüber hinaus gibt es Parallelwelten, die territorial oder sozial einen Trennstrich ziehen.
Die Stadt der Diplomaten. Die UNO-City in Wien-Transdanubien. Man betritt allein deswegen schon ein anderes Universum, da gleich am Eingang einen afrikanische Sicherheitsleute begrüßen und kontrollieren. Zwei Minuten später begegnet man in dieser Stadt in der Stadt dunkelhäutigen Diplomaten und Politikern. Ein Kontrast zum normalen Wien, in dem Schwarze mit negativen Klischees zu kämpfen haben und nicht zuletzt dadurch in angesehenen Berufssparten kaum anzutreffen sind.
Auch sonst zeigt sich eine andere Welt: Rund 4500 Individuen arbeiten hier. Die nicht-österreichische Mehrheit benötigt kein Deutsch (und kaum einer kann es), man redet Englisch oder eine der anderen Sprachen der Vereinten Nationen (Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch). Für die Infrastruktur ist gesorgt: Ein Geschäft, eine Bank- sowie eine Postfiliale, eine Sprachschule und ein Medical Center – die Menschen müssen kaum in den Kontakt mit „draußen“ treten. Selbst die österreichische Exekutive darf nur anrücken, wenn sie von den Blauhelmen der UNO-City angefordert wird. In Cafés und Restaurant tratschen die in dunklen Anzügen und beigen Kostümen uniformierten UN-Mitarbeiter über ihren blauweißen Kosmos. Manche, kritisiert ein Wien-affiner Diplomat, leben schon seit Jahrzehnten in der Donaumetropole, ohne eine Ahnung davon zu haben. Kein Grund sie zu verurteilen: Immerhin lässt es das Beschäftigungssystems der Vereinten Nationen meist nur zu, auf zwei, drei Jahre zu planen, bis die nächste Versetzung ansteht.
Reich und schön – und unter sich. Ein Freitagabend in der Innenstadt: Reges Treiben herrscht vor den Geschäften und den Restaurants. Doch viele, egal ob Touristen oder Einheimische, sind in Wahrheit Zaungäste, wenn sie die Auslagen der Luxusboutiquen und die Speisekarten der Edelrestaurants betrachten. In „In-Lokalen“ wie Fabios in der Tuchlauben trifft sich so ungestört die Bussi-Bussi-Society, feiern Politiker ihre Abmachungen oder begießen Manager ihre Deals. Ohne Namen und Kontakte, ohne Markenkleider und dickes Börserl kommt man in diese Gemeinschaft nicht hinein: Wer kann sich heutzutage so mir nichts dir nichts ein Gericht auf der Menükarte des Italieners gegenüber dem Café Bräunerhof leisten, die alle über €20 kosten? Die, die nicht genug Geld ausgeben können, gehören nicht dazu. Und nicht in diese Parallelwelt.
Natürlich lassen sich diese so unterschiedlichen kleinen Universen nicht miteinander vergleichen. Es sind einfach Beispiele dafür, wie oft sich in unserer Gesellschaft Minderheiten und andere Gruppierungen ihr eigenes Gebiet abstecken. Und sicher: Auch manche Migranten ziehen sich in ihre Community zurück, suchen mal von sich aus Anschluss bei den „Ihrigen“. Darunter sind, neben anderen, Muslime. Aber dabei spielen immer ein Stück weit die Alteingesessenen sowie die Atmosphäre im Land mit. Die Entscheidung, sich in eine Ecke zurückzuziehen, treffen elitäre Kreise wie der Lions Club oder die Rotarier viel bewusster und zudem aus einer Machtposition heraus. Neuzugezogene wissen, dass sie so oder so auf Akzeptanz der Mehrheit angewiesen sind. Und, in welcher Parallelwelt lebst du?
* Der Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung des Augustin, in dem der Text zuerst veröffentlich wurde.

