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Tor zur Freiheit, und Gefängnis
Von Ellis Island aus versuchten zahlreiche Einwanderer einen Neustart in den USA. In Kriegszeiten wurden hier, im Schatten der Freiheitsstatue, Feinde und Flüchtlinge interniert. Eine Reportage von Richard Solder
Ein Boot nach dem anderen. Abfertigung im Akkord. Dichtes Gedränge an Deck. Im Unterschied zu früher sind es heute die Touristen, die auf Fähren nach Ellis Island gekarrt werden. "Welcome to the 'Immigration Experience' - a rich and moving story of American Immigration". Aber die Museums-Insel südwestlich von Manhatten interessiert an diesem regnerischen Tag viele der Urlaubenden nicht besonders. Eine Französin stiehlt den vom Wasser aus unscheinbar wirkenden Barracken die Show. Ellis Island, Symbol für die Migration in die USA um 1900, gehört seid 1965 zum Monument der Freiheitsstatue, die nur einige Kilometer und einen Fährenstopp weiter ihre Fackel in die Höhe streckt.
Zwischen 1850 und 1890 sind hier rund acht Millionen Menschen angekommen. Höhepunkt der Einwanderung war das Jahr 1907, als 1,25 Millionen Personen, vor allem aus Europa, via Ellis Island ihr Glück in der Neuen Welt suchten.
Aus der nordseitigen Fensterfront im Hauptgebäude hatte man wohl auch schon anno 1907 einen Blick auf das Stadtbild New Yorks. Statt den heutigen Glaspalästen des Financial Districts sah man auf - aus damaliger Sicht - ebenso respekteinflößende steinerne Türme.
In unzähligen Biografien werden die Geschichten erzählt, von der langen Überfahrt, den vollgestopften Warteräumen, von den Kontrollen, und der Angst vor Abweisung. Im Zuge des des Zweiten Weltkrieges wurde Ellis Island zu einem Anlaufpunkt für Flüchtlinge - und zu einem Gefängnis. Feindliche Seeleute etwa waren hier in Haft.
Die gebürtige Wiener Autorin Gina Kaus (1893-1985) landete nach der Flucht vor dem Hitler-Regime im September 1939 vor den Toren New Yorks: "Ellis Island ist ein Felsblock, von dem aus man das Hinterteil der Freiheitsstatue sieht. Es ist ein Internierungslager", beschrieb sie in ihren Erinnerungen "Von Wien nach Hollywood".
Die Behörden hatten Kaus zuerst nicht erläutert, warum sie und ihre Söhne hier sein mussten. Der Direktor lieferte später eine Erklärung nach: "We have to keep this country as clean as our fathers made it." Wer "clean" und war und wer nicht - das sollte auf Ellis Island festgestellt werden. Zahl und Herkunft der Internierten waren auf einer Liste festgehalten, die neben der Eingangstür hing. Bei der Durchsicht kam Kaus ins Grübeln: "Diese Liste gab mir zu denken. Hatten die Amerikaner wirklich keine Rassenvorurteile?" Sie und ihre Söhne durften nach einer Bürgschaft eines US-Verlages die Insel verlassen und einreisen.
Freund oder Feind? Etwa vier Monate später musste auch Egon Erwin Kisch (1885-1948) auf dem Eiland unweit der Lady Liberty bangen. Mehrere Tage Internierung waren für den Schriftsteller und Journalist gleichzeitig harte Probe und Hoffnung auf das ersehnte Exil. Kurioserweise hatte der "rasende Reporter" Ellis Island schon während eines USA-Besuches ein Jahrzehnt zuvor einen Lokalaugenschein auf der Insel gemacht. 1939 erinnerte er sich daran zurück: "Ich kann nicht schlafen, wenn das Licht brennt. Der Schlafsaal, in dem ich mit 22 anderen lag, ist besser, als er vor 10 Jahren war. Aber ein Platz, wohin man die Kleider oder Tageswäsche legen oder hängen könnte, gibt's nicht", schrieb er in sein Tagebuch.
Kisch musste ein Verhör der US-Behörden überstehen, das ihn auf seine Beziehung zu den Kommunisten abklopfte. Im Speisesaal von Ellis Island traf Kisch auf hier inhaftierte Nazis: "Viele sahen mich groß an, ich hörte meinen Namen. Nichts geschah. 'Aber treff ich dich draußen im Freien...''", drohten sie ihm.
1954 wurde der letzte Häftling entlassen. Und Ellis Island geschlossen. Jahrzehnte lang lag es brach. In den 1980ern saniert und 1990 als Museum wiedereröffnet, merkt man dem Komplex die lange Zeit in Vergessenheit bis heute an. Die Tour durch die Räume des Hauptgebäudes ist informativ. Beim Gang durch Befragungs- und Medizinzimmer oder einen Schlafsaal versucht der Besucher zumindest nachzuempfinden, wie es den Millionen von Migranten hier gegangen sein muss.
Allerdings: Das modernste Museum ist es nicht. In einem Land der Spektakel und der Superlative wirkt das Ausstellungserlebnis Ellis Island altbacken und verstaubt. Die Infrastruktur ist ausbaufähig, einige Nebengebäude konnte man noch gar nicht renovieren. Seit der Öffnung als Erinnerungsstätte 1990 wurde immer wieder das Geld knapp. Der National Trust for Historic Preservation, also die nationale Treuhandgesellschaft zum Erhalt von Geschichte in den USA, setzte Ellis Island in den 90er-Jahren gleich zweimal auf die Liste der elf meistbedrohten Orte des Landes.
Melancholie. Vielleicht haben der leicht depressive Charme des Museums und das unfreundliche Wetter an diesem Tag damit zu tun, oder ist es doch das "schwere" Thema dieses historischen Ortes und die starke Konkurrenz der Freiheitsstatue? Jedenfalls streunen die meisten Touristen nicht allzu lang durch die Anlagen auf Ellis Island. Die nächste Fähre ist schon in Sicht. Lady Liberty wartet.
