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Das Lampedusa-'Paradoxon'

Nur vermeintlich ein Widerspruch: Warum gerade jetzt viele Menschen aus Nordafrika nach Europa flüchten. Von Richard Solder

 

"Jetzt sind sie die Regime losgeworden, und jetzt kommen alle erst recht zu uns!"

 

"Wieso bleiben sie nicht dort und bauen ihr Land mit auf?"

 

Lampedusa im Frühjahr 2011: Hunderte nordafrikanische Flüchtlinge landen täglich auf der kleinen italienischen Insel rund 130km vor der tunesischen Küste. Das Lager platzt aus allen Nähten, die Bewohner des Eilands sind überfordert. Medien aus ganz Europa berichten regelmäßig von einem möglichen "Exodus" und den Versuchen europäischer Regierungen, die "Last" von Personen in Not anderen Staaten zu überlassen. Anfang April kommt es zum Drama: Ein Boot mit 200 Flüchtlingen kentert, nur wenige können gerettet werden. Auch darüber wird breit berichtet.

 

Warum so viele Menschen nun erst recht ihr Glück in der lebensgefährlichen Überfahrt Richtung Europa suchen, wird selten erklärt. Natürlich gibt es nicht die eine Antwort und eine Vielzahl an Gründen, warum Individuen eine so schwerwiegende Entscheidung wie eine Flucht über das Mittelmeer treffen.

 

Im Fall von Libyen ist die Sache einfacher: Wo Gewalt herrscht, flüchten Menschen. Der militärische Konflikt im Land zwischen Ägypten und Tunesien betrifft natürlich auch die Anrainerstaaten, in die sich viele retten wollen. Laut Unicef sind über 550.000 Menschen aus Libyen über die Grenzen geflohen. Zu den Ursachen gehören aber auch die neu gewonnen Freiheiten der nordafrikanischen Bevölkerungen selbst: Flucht ist eine Form von Mobilität, oft im wahrsten Sinne des Wortes der letzte Ausweg. In Diktaturen ist die Bewegungsfreiheit in vielerlei Hinsicht eingeschränkt. Die Lage in Nordafrika betraf bzw. betrifft auch "Durchreisende" aus anderen Teilen des Kontinents: Despoten wie Muhammar al-Gaddafi versperr(t)en Hilfesuchenden den Weg Richtung Norden.

 

Europa hat diesen Effekt noch verstärkt: In Kooperation mit den nordafrikanischen Herrschern, allen voran al-Gaddafi, und der "Grenschutzagentur" Frontex zog der Norden die Grenzen hoch - und ließ so viele Menschen in Not dahinter. Erst in den letzten Jahren wurde der Öffentlichkeit bekannt, dass etwa in Libyen (von der EU-finanzierte) Lager existieren, in denen Flüchtlinge aus ganz Afrika unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengepfercht werden. Ihr Sinn ist der gleiche wie bei den Mauern und Zäunen in den spanischen Enklaven Ceuta, Melilla oder an der EU-Grenze zur Ukraine: Menschen fernzuhalten, "abzuwehren" (siehe unzählige Medienberichte und Politikaussendungen für derartige Formulierungen).

 

Anhand des Beispiels von Tunesien analysiert Akram Belkaïd in der März-Nummer der Le Monde Diplomatique (deutschsprachige Ausgabe), wieso der Umbau der Gesellschaft mitverantwortlich für die derzeitige Situation ist. Die Macht Zine el-Abidine Ben Alis wurde von einem riesigen Apparat getragen, rund 400.000 Personen standen im Dienste des Innenministeriums - Spitzel nicht mitgezählt! Seine Partei, die Konstitutionelle Demokratische Versammlung (Rassemblement constitutionnel démocratique, kurz RCD) verfügte über 15.000 Beamte.

 

Die Übergangsphase führte zu einem Vakuum, gleich in mehrfacher Hinsicht: Die der Gesellschaft aufoktroyierte Ordnung verschwand, daher macht sich bei vielen Sorge wegen der Sicherheitslage breit. Laut Belkaïd herrscht auf den tunesischen Straßen etwa ein rücksichtsloseres Verkehrsverhalten als zur Zeit der Diktatur.

 

Aber auch ehemalige Mitglieder von Ben Alis Machtapparat stellen noch eine Bedrohung dar: Immer wieder hört man davon, dass Milizen der Regimepartei für Chaos sorgen. Manche Regimefreunde fürchten eine Verfolgung im neuen Klima des Landes und versuchen sich abzusetzen.

 

Abseits der schwierigen außenpolitischen Situation (Tunesien verfügt über eine 500km lange Grenze zum umkämpften Libyen) mit ein Grund für die Flucht vieler: Nach der Jasmin-Revolution wurde klar, dass das Land wirtschaftlich nicht so gut dasteht, wie Ben Ali es der Bevölkerung weismachen wollte. Eine dramatische Konsequenz: Unzählige Tunesier und Tunesierinnen haben kein Dach über dem Kopf. Le Monde Diplomatique schätzt, dass man auf der Stelle 110.000 Sozialwohnungen bauen müsste, um dieses Problem zu lösen. Wie es so weit kommen konnte? Das Regime förderte Wohnungen, um eine allgemeine Knappheit (und damit verbundene Spannungen) wie in anderen arabischen Staaten zu verhindern. Ohne Förderungen stehen viele auf der Straße.

 

Weiterführende Links:

 

Akram Belkaïd, Neue Sorgen in Tunesien (LMD, 03/2011)

w/orte-Bericht zur Jasmin-Revolution

Impressionen

Der Dokumentarfilm "Harraga" (von Annika Lems und Christine Moderbacher) widmet sich dem Thema der Flucht über das Mittelmeer in den Zeiten vor den Revolutionen in der arabischen Welt.

 

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